Somatechnische Sozialitäten

Zu den neuen sozialen Potenzialen technologisch veränderter Körper

Tagung der Sektion „Soziologie des Körpers und des Sports“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2019

28.- 29. November 2019, Universität Konstanz, Raum V 1001

Organisation: Dr. Denisa Butnaru und Prof. Dr. Christian Meyer

Die permanente Weiterentwicklung körperbezogener Technologien in der gegenwärtigen Gesellschaft wirft neue Fragen nach der sozialen und gesellschaftlichen Rolle des technologisch veränderten Körpers, den technologisch rekonfigurierten sensomotorischen und kinästhetischen Sozial- und Weltverhältnissen, neuen sozialen Körpertechniken und -praktiken sowie sozio-technischen Ko- und Interkorporalitäten auf.

Bislang wurden technologisierte Körper mit der Produktion von Materialitätsformen wie Cyborgs (Harraway 1985; Spreen 2010) und prothetisierten Körpern (Jain 1999; Smith & Morra 2006) assoziiert. Neuere epistemologische Paradigmen wie die ANT, Post- und Transhumanismus oder postphänomenologische Orientierungen verweisen jedoch auf Aspekte, die äußerliche und inner-strukturierende Eigenschaften des Körpers und gesellschaftliche Formen der Körperlichkeit grundsätzlich reorientieren. Die „Anthropotechnie“ (Andrieu 2007; Goffette 2007) etwa interpretiert technische Veränderungen von Körpern – etwa durch Prothesen oder Implantate – nicht mehr als Defizienz oder Mangel, sondern neutraler als individuelle Neigung oder positiv als „Enhancement“.

Auch rezente Phänomene wie künstliche Fortpflanzung, Verhütung, Veränderung visueller oder auditiver Wahrnehmungen oder Empfindungsfähigkeiten durch z.T. „intelligente“ Implantate, Prothesen oder unterschiedliche Medien führen zu neuen Potenzialen verkörperter Sozialität wie techno-körperlicher Symbiose, Erweiterung oder Substitution. Diese Beispiele zeigen eine immer stärkere Interdependenz zwischen verkörperten Formen der Sozialität und Technologien, die sowohl gegenwärtige Interaktionen und Kontexte als auch Interkorporalitätsformen prägen. Darüber hinaus verweisen sie auf Dimensionen des Sozialen, die den Körper als somatechnisches Kapital einsetzen oder die Transformation der Anthropotechnie in somatechnische Sozialität vorantreiben.   

Angesichts der Generalisierung von technisierten Körpern und der damit verbundenen Pluralisierung von Körperformen, -praktiken und -konzepten muss auch die Konzeption verkörperter Sozialität erweitert werden. Die Körper- und Sportsoziologie werden dadurch mit neuen Herausforderungen konfrontiert, die Position des technisierten Körpers sowie technisierter Ko- und Inter-Körperlichkeiten in der aktiven Produktion des Sozialen zu reflektieren.

Die aktuellen Entwicklungen somatechnischer Sozialitäten verhandeln z.B. Wissensvorräte (Schütz 1932), aber auch Wissensträgerschaften und Praktiken (Hirschauer 2006), Grammatiken der Leiblichkeit (Viehöver 2012), sozial gestaltete Formen der Subjektivierung (Alkemeyer 2013) und Interkorporalität (Meyer et al. 2017) neu. Während ihre Präsenz in der Geschichte menschlicher Gesellschaft durchgehend war, haben das Ausmaß der somatechnischen Verschränkung und die Geschwindigkeit der dadurch angestoßenen Veränderungen in der Gegenwart eine neue Ebene erreicht. Ziel der Tagung ist es, diese Phänomene zuerst einmal in ihrer Vielfalt zur Kenntnis zu nehmen, (sport- und körper-) soziologische Zugänge zu ihnen zu erörtern und theoretische Vokabularien zu ihrer Beschreibung vorzuschlagen. Eingeladen sind Beiträge, die somatechnische Sozialität theoretisch oder empirisch untersuchen.

Wir erhoffen uns Beiträge zu den folgenden Fragestellungen:

  • Welche Rolle spielt das neue Potenzial des „Enhancements“ von Körperlichkeit in der Entstehung neuer Formen und Dimensionen von Sozialität und Gesellschaft?
  • Welche körperlichen, praktischen und interaktionalen Dynamiken entstehen durch somatechnische Hybridität – verstanden qua Körperlichkeitsbricolage (Bastide 1970) – und in welchen sozialen Kontexten?
  • Welche Konzeptionen des Körpers entstehen als in je spezifischem Sinne „verhandelbar“, „erweiterbar“ und „absorbierend“ – etwa durch neue Technologien, Ko-Körper oder soziale Netzwerke, die z.B. die Grenzen zwischen sozialer und virtueller Wirklichkeit verwischen, aber auch etwa durch medizinische Technologien, die die Materialität des anatomisch-biologischen Körpers verhandeln und verschieben?
  • Wie lassen sich Kategorien wie Kontingenz, Räumlichkeit, Biographie, die wesentlich für das Verständnis von mikrosoziologischen Phänomenen sind und die den Körper als vergesellschaftetes Hybridsensorium umformulieren, begreifen?  
  • Inwieweit werden neue Körpersymboliken durch politische, medizinische oder ästhetische Techniken und Technologien in der Gegenwart hergestellt und zu welchen soziologischen Körperkonzepten werden diese Veränderungen beitragen?
  • Welche Alteritäts-, Marginalisierungs- und Konfliktproduktionen und welche soziale Hierarchien rechtfertigen somatechnische Sozialitäten in welchen Formen?
  • Inwieweit tragen somatechnische Sozialitäten zur Umstrukturierung und Veränderung konkreter Interaktionen bei?
  • Wie lassen sich die neuen Verkörperungen von Identität beschreiben, die durch medizinische Interventionen entstehen? Welche soziologischen Folgen hat die Implementierung solcher Dispositive?