Im Gespräch mit "Professorin" Susi Wirth.

Zu Besuch bei der "Professorin": Sind wir fit für die Wirtschaftskrise?

Konstanz, Juni 2012

"Sie verkaufen vier Kisten Äpfel, zwei Kisten Maigold und zwei Kisten Jonagold. Beide Sorten kosten einen Euro für fünf Äpfel. Am nächsten Tag verkaufen sie wieder vier Kisten, diesmal aber die zwei Kisten Maigold zu vier Stück für einen Euro, die beiden Kisten Jonagold zu sechs Stück für einen Euro. Machen sie nun mehr Gewinn als am Vortag, oder weniger?" Autsch, erwischt: Im Kopfrechnen bin ich ganz schlecht, ehrlich. Aber "Professorin" Susi Wirth hat wieder einmal recht: In Zeiten von Staatspleite und Bankencrash müssen wir wieder fit werden in wirtschaftlichen Fragen – und das fängt beim Kopfrechnen an. Also wird das Publikum gelöchert und geärgert mit Rechenrätseln und Trickfragen. Gottseidank bin ich auf der "anderen Seite", auf der Bühne, heute geladen als "Experte" zum Thema: Wie sieht das Leben eigentlich aus, wenn man jeden Tag von der Hand in den Mund lebt?

Nun könnte ich das auch in Form einer Lesung meiner Kontoauszüge machen. Das ginge schnell und wäre nicht abendfüllend. Ich kann aber auch etwas anderes aus meiner eigenen Erfahrung zu dem Thema berichten: 14 Monate Feldforschung habe ich bereits hinter mir, unter Straßenhändlern in der 5-Millionen-Metropole Daressalam, am indischen Ozean in Tansania. Und die Jungs mit denen ich dort zu tun habe können sich Fehler beim Kopfrechnen nun wirklich nicht erlauben. Mit einem Startkapital von vielleicht zehn Euro beginnt ihr Tag frühmorgens auf dem Markt für gebrauchte Kleidung. Was sie dort an brauchbaren Schuhen aus den Haufen ziehen reparieren und polieren sie in einem Hinterhof in der Innenstadt auf. Anschließend beginnt ein Tag unermüdlichen Zirkulierens in den heißen, verstopften, staubigen Straßen der Stadt, um Kunden für die Schuhe zu finden. Und wenn einer angebissen hat, muss schnell verhandelt werden. Wer dabei Fehler macht und nicht genug Gewinn herausschlägt, der muss sein weniges Kapital "essen", wie es in der Lokalsprache heißt – im wahrsten Sinne des Wortes: er kann nicht allein die Gewinne, sondern muss seinen Kapitalstock verwenden, um sich und seine Familie zu ernähren.

Auf dünnen Boden stehen die Schuhverkäufer also, das wird an diesem Abend klar. Wer noch Zweifel daran hat, darf sich selbst ein Bild machen: Die Gewinner der Rechenrätsel von "Professorin" Wirth bekommen als Preis ein "Flugticket" nach Daressalam und ein Paar gebrauchter Schuhe – als Startkapital.

Alexis Malefakis ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Ethnologie und Kulturanthropologie. In seiner Forschung untersucht er soziale Dynamiken unter Straßenhändlern in Daressalam, Tansania.