Wer bin ich ? - Und wenn ja, wie viele?

Konstanz, Februar 2013

Das althergebrachte Bild des Ethnologen mit Knickerbockern und Tropenhelm, der monatelang in einem abgelegen exotischen Dorf mit 'den Eingeborenen' lebt, um ihre Sitten und Gebräuche zu lernen, ist – glücklicherweise – schon seit Jahrzehnten passé. So altmodisch dieses Bild auch sein mag (und so falsch es schon immer war), so klar wäre es doch in seiner Schlichtheit, in seiner klaren Rollenzuweisung sowohl für mich selbst als auch in der Außenwahrnehmung interessierter Nicht-Ethnologen. Es wäre ein Ende des ständigen „Was macht ein Ethnologe eigentlich?".

Meine Forschung findet in Sambia statt, einem Land im südlichen Afrika. Hier gehe ich dem Begriff des 'Menschenhandels' und dessen praktischer Auslegung durch staatliche und nichtstaatliche Akteure im Kampf dagegen nach. Dieser mittlerweile stehende Begriff ist von seiner Herkunft ein 'westlicher' Begriff, der in den letzten 15 Jahren durch unterschiedliche multinationale Konventionen und Gesetze weltweit verbreitet wurde. Ich untersuche nun, über welche institutionellen Kanäle und unter Zuhilfenahme welcher politischen und sozialen Prozesse dieser Begriff in Sambia 'ankommt', wie sich das Verständnis von Menschenhandel dort entwickelt und welche Folgen dies hat.

Hierzu bewege ich mich in allen möglichen Kreisen in Sambia, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen: in hochrangigen Regierungstreffen, Büros multinationaler Organisationen, auf Veranstaltungen sambischer NGOs oder im alltäglichen Gespräch an innerafrikanischen Grenzen. Ich versuche, die verschiedenen Perspektiven einzunehmen, um ein möglichst vielschichtiges Bild zu bekommen. In jedem dieser sehr unterschiedlichen Kontexte wird mir eine Rolle zugeschrieben aufgrund der Erwartungen, die ich in meinem Gegenüber wecke. Ob ich diese Rolle annehme oder nicht, bleibt zu einem gewissen Grade mir selbst überlassen: Ich kann mit ihr spielen, sie durchbrechen oder aber bewusst bestätigen.

Diese Erwartungen erstrecken sich über alle möglichen Gebiete: In einem sambischen Regierungsworkshop wurde ich dazu aufgefordert, meine Haare zu schneiden; im ländlichen Sambia wird zumeist davon ausgegangen, dass ich als Weißer nicht in der Lage bin, sambisch mit den Fingern zu essen; bei einem Empfang der deutschen Botschaft wird mein Auftreten in "business formal" erwartet. Und das sind nur die artikulierten Erwartungen, die wenigen, die in Worte gefasst werden. Dazu kommt eine Unzahl an impliziten Erwartungen, die jeder Mensch, den ich treffe, mir entgegen bringt – in Bezug auf meinen Habitus, meine Manieren, mein Aussehen, meine Kleidung, meinen Glauben, usw. Das Ausmaß, in dem dies meine Forschung bestimmen würde war mir vorher nicht bewusst und kann von mir auch nicht genug unterstrichen werden.

Tim Bunke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Ethnologie und Kulturanthropologie. In seiner Forschung untersucht er die Prozesse und Folgen der Umsetzung des UN Protokolls zu Menschenhandel in Sambia.