Konzeptionelle Arbeit: Auf der Suche nach wiederkehrenden Motiven

PP - eine ethnographische Fotoausstellung

Konstanz, März – Mai 2012

Ich habe ihn nie kennengelernt. Er muss, so erzählt man mir, ein ganz besonders intensiver Mensch gewesen sein – voller Geschichten, präsent und dringlich in der Begegnung, mit biographischer Tiefe und lebensweltlicher Weisheit und einem unbändigen Mitteilungsbedürfnis, welches ihn zum Autor vieler (wissenschaftlicher und literarischer) Bücher und unzähliger Aufsätze werden ließ: Paul Parin (1916–2009), Ethnopsychoanalytiker, Zürich. Dass er und seine Ehefrau Goldy Parin-Matthèy während ihrer Forschungsreisen nach Westafrika auch fotografierten und die Bilder in unzähligen Fotoalben aufbewahrten, war der breiteren Öffentlichkeit – auch mir – lange nicht bekannt.

Nach Parins Tod waren viele dieser Fotoalben einem langjährigen Weggefährten, Dr. Johannes Rusch (Zentrum für Psychiatrie, Reichenau), anvertraut worden, der schließlich mit dem Vorschlag auf mich zukam, in Zusammenarbeit mit Dorothea Cremer-Schacht (Projektgruppe Photographie) eine öffentliche Ausstellung der Fotografien von PP zu organisieren. In den darauffolgenden Monaten kam es zu einer Reihe denkwürdiger Treffen, bei denen wir die Fotografien vor uns ausbreiteten und immer wieder neu gruppierten, um die Machbarkeit einer Ausstellung einzuschätzen. Die Herausforderung bestand darin, dass die Fotografien unter ästhetischen Gesichtspunkten gemischter Qualität waren und dass uns nur spärliche Hintergrundinformationen über den jeweiligen Kontext der Aufnahmen vorlagen. Auch beschäftigte uns lange die Frage, ob bzw. in welcher Weise sich Parins ethnopsychoanalytischer Blick in den Fotografien widerspiegelt.

Während eines Treffens in den Räumen der Psychiatrie stellten wir schließlich fest, dass sich viele der Fotografien durch wiederkehrende Motive auszeichnen – auch wenn sie in unterschiedlichen Jahren und auf verschiedenen Forschungsreisen aufgenommen worden waren. So gibt es eine beachtliche Anzahl an Bildern, auf denen im Vordergrund eine Person abgebildet ist, die mehr oder weniger direkt in die Kamera blickt, und hinter der eine andere Person steht, die beides – d.h. die Person im Vordergrund und den Fotografen – in den Blick nimmt.

In unserer Ausstellungskonzeption nahmen wir solche wiederkehrenden Bildmotive zum Ausgangspunkt, um die Fotografien zu gruppieren und ihnen ausgewählte Zitate aus den Büchern von Paul Parin zur Seite zu stellen, so dass beim Betrachter Assoziationen zwischen seinem fotografischen und seinem literarischen Schaffen hergestellt werden. Das oben erwähnte und in der Ausstellung mit mehreren Fotografien vertretene Bildmotiv wurde beispielsweise durch ein berühmtes Zitat kommentiert, in dem Parin das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum zur Sprache bringt: "Der Widerspruch in der Gesellschaft ist zum Widerspruch im Subjekt geworden".

In der Zwischenzeit sind die Fotografien abgehängt. Ob die Ausstellung ein Erfolg war, lässt sich – wie so oft – schwer sagen. Doch PP hat auch über seinen Tod hinaus eine treue Fangemeinde und so zeichnet sich ab, dass die Bilder demnächst auf die Reise gehen, um anderswo ausgestellt zu werden. Welche Assoziationen unsere Zusammenstellungen bei den dortigen Betrachtern wohl auslösen werden?

Thomas G. Kirsch ist Professor für Ethnologie und Kulturanthropologie.