"Staubiger Strich auf der Landschaft - die Grenze zwischen Sambia und Tansania"

Grenzgänge

Nakonde, Sambia, April 2013

Mein sambischer Mitbewohner hat beschlossen, sich ein Auto zu kaufen. Auf den ersten Blick für mich aus ethnologischer Perspektive belanglos. Autokauf funktioniert in Sambia jedoch etwas anders als man das in Europa kennt. Zwar gibt es in Lusaka auch Autohäuser, die mit Neu- und Gebrauchtwagen handeln, doch die gängigste und beliebteste Methode ist, Autos zu importieren. Diese sucht man sich auf einschlägigen Internetseiten aus und nach einer Anzahlung werden sie dann zum Seehafen Daressalam, Tansania, verschifft. Die zukünftigen Eigentümer bzw. spezialisierte Fahrer holen die Autos dort ab und fahren damit die 2000km nach Lusaka, die Hauptstadt Sambias.

Diese vereinfachte Schilderung trifft auf die Mehrheit der Im- und Exporte Sambias zu. So kommt auch der Großteil der in Lusaka verkauften „second-hand"-Kleidung auf diesem Wege ins Land. Ebenso wie viele der in China produzierten alltäglichen Gebrauchsgegenstände, wie z.B. Plastiksschüsseln, Töpfe und Besen. Oder Benzin. Aber auch Lebensmittel wie Kartoffeln und ähnliches.

Das Nadelöhr auf dem Weg in den Süden ist der sambisch-tansanische Grenzübergang Nakonde. Mit Hilfe spezialisierter „clearing agents" – Spezialisten, welche die Zollformalitäten erledigen – werden hier Importe nach Sambia abgefertigt, Waren verzollt und aufgenommen. Zumindest laut der offiziellen Version. Da diese Grenze jedoch nicht viel mehr als ein Strich auf der Landkarte ist – die beiden Länder sind durch keine physische Barriere wie z.B. einen Fluss getrennt – floriert neben dem legalen Handel auch der Schmuggel. Dadurch sind die Kleinstadt Nakonde und das tansanische Pendant Tunduma zu boomenden Handelszentren angewachsen, die Händler aus allen Teilen Sambias bzw. Tansanias anlocken, in denen durch kilometerlange Schlangen wartender LKWs ein informelles Versorgungsnetzwerk unterhalten wird und die auch in Bezug auf Menschenhandel zentrale Knotenpunkte im südlichen Afrika darstellen.

Warum an dieser Grenze illegale Aktivitäten so verbreitet sind wird deutlich, wenn man die Grenze zu Fuß abläuft. Die Demarkationslinie ist nichts anderes als ein Feldweg auf einem Markt. Auf der rechten Seite der Straße ist man in Tansania, auf der linken in Sambia. Wie bizarr für jemanden, der es gewohnt ist, dass Grenzen durch Zäune und Kontrollen markiert sind.

Diese Gegebenheiten haben mein ethnographisches Interesse geweckt. Ich werde in den kommenden Monaten öfters nach Nakonde zurückkehren, um zu lernen, wie diese Grenze funktioniert, wie sie manipuliert und wie sie genutzt wird. Mein Mitbewohner hat übrigens mittlerweile sein Auto bestellt und es wird in den nächsten Wochen über Nakonde eingeführt. Ich bin schon gespannt, an seiner Seite eine weitere Facette der Grenze zu erleben.

Tim Bunke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Ethnologie und Kulturanthropologie. In seiner Forschung untersucht er die Prozesse und Folgen der Umsetzung des UN Protokolls zu Menschenhandel in Sambia.