Cappuccino

Feldforschung am Frühstückstisch

Pretoria, Südafrika, Oktober 2013

Am Morgen nach meiner Ankunft in Pretoria, Südafrika, saß ich am Frühstückstisch und freute mich auf meinen Cappuccino. Als ich die Verpackung umdrehte, stolperte ich über ein Bild, das zwei Frauen im Bademantel zeigte, die es sich mit Gesichtsmasken gemütlich gemacht haben und lachend ein heißes Getränk zu sich nehmen, während eine Krake mit Fliege ihre Nägel mani- bzw. pedikürt. Darüber stand geschrieben:

„Take care of business. Multi-tasking? It's a woman's prerogrative. Stir things up and share some juicy tidbits over a lusciously delicicous and frothy treat. Many hands make light work."

Auf den ersten Blick ist die Verbindung zu meinem Forschungsprojekt vielleicht nicht offensichtlich: In meiner Dissertation beschäftige ich mich mit der Beratung von Frauen in Südafrika, die häusliche Gewalt erfahren haben. Dabei interessieren mich die verschiedenen Institutionen, die Frauen nach Gewalterfahrungen Hilfe durch Beratung anbieten, wie Frauenhäuser und Polizei, aber auch lokal und transnational arbeitende Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen. Die übergreifende Forschungsfrage ist dabei, wie weibliche und männliche Identitäten im Zuge der Beratung konstruiert werden. Welches Frauenbild wird in Gesprächen und Broschüren vermittelt? Wie werden Männer dargestellt, die Gewalt gegen Frauen ausüben? Diese Fragen müssen im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gesehen werden, weshalb für mich also auch die alltägliche Konstruktion von Geschlechteridentitäten in der südafrikanischen Gesellschaft interessant ist, beispielsweise in Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, aber auch in der Werbung. So stellte ich mir beim Anblick der Cappuccino-Werbung sofort die Frage, warum sich die Firma ausgerechnet für diese Werbestrategie entschieden hatte und sich ausschließlich an Frauen als Zielgruppe richtet. Cappuccino ist demnach ein eher unmännliches Vergnügen. Dies suggeriert auch der Begleittext, der das Getränk in Zusammenhang mit vermeintlich typisch weiblichen Interessen bringt. Das Bild in Kombination mit dem Text mutet daher schon ziemlich ironisch an: Das „Business" der Frau sind Schönheitsprodukte, Klatsch und Tratsch und eine Tasse Kaffee – multi-tasking par excellence. Die ansonsten geschlechtsneutral dargestellte Krake erhält in dieser Werbung durch das Tragen einer Fliege eine eher männliche Konnotation. Die Krake verrichtet jedoch Aufgaben, die in Haushalten der oberen Mittelschicht typischerweise von weiblichen Hausangestellten ausgeführt werden. Mit ihren vielen Armen ist die Krake hier die Figur, deren Arbeit offensichtlich durch multi-tasking gekennzeichnet ist und den Frauen so ein entspanntes Leben ermöglicht. Das Privileg der Frau ist somit, dass andere die Arbeit für sie erledigen während sie sich entspannt zurück lehnt. „Viele Hände erleichtern die Arbeit" - der weißen Frau, die es sich leisten kann, könnte man hinzufügen.

Ich bin schon gespannt auf die weiteren Frauenbilder die ich finden werde und wie sich diese vom Bild der Frau als arbeitsscheue Beauty-Queen unterscheiden. Natürlich kann man sich gezielt auf die Suche nach Hinweisen darauf machen, welche Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit in einer Gesellschaft existieren. Oftmals muss man das aber gar nicht – Feldforschung beginnt nämlich manchmal, völlig ungeahnt, schon am Frühstückstisch.

Melanie Brand ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Ethnologie und Kulturanthropologie. Sie promoviert im Doktorandenkolleg „Europa in der globalisierten Welt".