Tabriz 17.02.2013

Dokhtar Savari – Die iranische Liebesjagd

Mit der Erfahrung meines 6-monatigen Aufenthaltes in der Türkei wirkt das Leben im Nachbarland Iran auf den ersten Blick für mich sehr vertraut: Moscheen, Verkehr, Teehäuser, Bazaare. Doch nach wenigen Tagen merke ich bereits, dass das Leben in der islamischen Republik Iran ganz anderen Regeln zu folgen scheint.

In Irans drittgrößter Stadt Tabriz begegne ich Vahid, einem 21-jährigen, leicht schüchternen Exiliraner, der derzeit versucht, im Ausland eine Zukunft zu finden. Fast jeden zweiten Monat kommt er von seinem Studienplatz an der Westküste der Türkei zurück, um seine Familie zu besuchen. „Ich studiere in der Türkei, weil ich im iranischen Bildungssystem keine Chance habe: Es ist sehr teuer, es gibt hohe Anforderungen, aber aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Lage kaum eine Jobaussicht. In der Türkei dagegen kann man mit einem Universitätsabschluss Arbeit finden, deswegen bin ich gegangen." Auf meine Frage hin, was er am meisten vermisse, grinst er verlegen und antwortet: „Die Frauen. Iranische Frauen sind die schönsten der Welt und man kann hier sehr schnell eine Freundin bekommen. Komm, ich zeig's dir. Wir fahren jetzt in die Vali'asr Straße."

Noch bevor ich mich über den Gegensatz zwischen meiner Vorstellung einer islamischen Republik und seinen Schilderungen einer kontaktfreudigen iranischen Frau wundern kann, drückt Vahid beim Passieren von zwei jungen Frauen auf die Hupe, lächelt ihnen im Vorbeifahren zu und stellt sein Auto an der nächsten Straßenecke ab. Dort warten wir. „Siehst du diese zwei Mädchen? Wenn wir Glück haben, dann steigen sie jetzt zu uns ein. Das nennen wir dokhtar savari." Leute aufsammeln also. Da ich nicht wirklich einschätzen kann, was mich gleich erwartet, fühle ich mich denkbar unwohl und atme erst wieder auf, als die beiden abwinkend an unserem Auto vorbeigehen. Sichtlich enttäuscht, dass sein Plan nicht aufgegangen ist, erklärt mir Vahid, dass dies eine nicht untypische Methode ist, um Mädchen kennenzulernen. „Es ist eigentlich ganz einfach: Alles was du brauchst ist ein gutes Auto. Dann steigt das Mädchen bei dir ein und dann haben wir Spaß. Ich lade sie zum Essen oder zum Filmschauen ein und wenn sie keine Lust mehr hat, fahre ich sie wieder heim. Manchmal bekomme ich dann sogar ihre Handynummer und wir können uns wiedersehen. Ich habe fast alle meine Freundinnen so kennengelernt!", erzählt er mir mit ein klein wenig Stolz.

Die strikte Reglementierung des Alltagslebens und der Geschlechterbeziehung sind seit der Gründung der Islamischen Republik Iran konstitutiv für das religiös-politische Selbstverständnis der Gesellschaft. Doch dort, wo Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum geregelt ist und staatliche Sittenwächter für deren Einhaltung sorgen, findet die materiell privilegierte Schicht Wege, unterhalb des staatlichen Radars zu navigieren. Diese nicht ungefährliche, da strafrechtlich verfolgte, Praxis ist Ausdruck der Unzufriedenheit und Aufbegehrens einer iranischen Jugend, die sich von den repressiven Bedingungen privater und öffentlicher Handlungsspielräume nicht länger bestimmen lassen will. „Die iranische Jugend ist schlau. Wir finden immer Wege, um uns das zu ermöglichen, was uns vorenthalten wird: Für das Internet haben wir Entschlüsselungsprogramme, die uns den Vollzugang wieder ermöglichen und für die Liebe haben wir Straßen wie Vali'asr, in denen man dokhtar savari machen kann. Hier kannst du alles finden, wenn du deine Augen und Ohren offen hältst."

Wochen nach meiner Abreise chatte ich wieder mit Vahid. Er ist sehr glücklich, denn er hat mittlerweile über dokhtar savari eine neue Freundin gefunden, mit der er von der Türkei aus via Facebook Kontakt halten will. Die Liebesjagd scheint sich gelohnt zu haben.

Benjamin Schlindwein ist als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Ethnologie und Kulturanthropologie tätig.