DFG-Projekt „Ringen ums Erbe. Heritage-Regimes und Rhetorik in Myanmar“

In Myanmar bezieht sich eine Vielzahl von Akteuren bei ihrem Ringen um unterschiedliche und oft antagonistische Vorstellungen einer zukünftigen Gesellschaft auf den Begriff des „kulturellen Erbes“ (heritage). Themen wie Nation, Staat, Zivilgesellschaft, Religion, Tourismus und politische Kultur werden seit der „Öffnung“ des lange isolationistischen Landes ab 2010/11 unter Berufung auf heritage ausgehandelt. Durch abnehmende Zensur und Überwachung entstehen Räume zur Formulierung von Kritik an und Alternativen zu dem lange dominanten staatlichen heritage-Regime, das zur Legitimation der Machtverhältnisse eine Ideologie der Harmonie verbreitet. Nun dient es Akteuren als Angriffsfläche, die Möglichkeiten und Richtungen sozialen Wandels ebenfalls anhand von heritage zu postulieren versuchen.  

Aufbauend auf den Critical Heritage Studies, die kulturelles Erbe als prozesshafte politische Praxis verstehen, bedient sich das Projekt der Methodik der rhetorischen Kulturtheorie um den Persuasionscharakter und das agonistische Moment dieses „Ringens“ um Deutungshoheit über die Vergangenheit herauszuarbeiten. Die Untersuchung rhetorischer Strategien erschließt den Zusammenhang von politischer Steuerung, gesellschaftlichem Wandel und dem Wechselspiel globaler und lokaler Diskurse.

Das staatliche heritage-Regime und seine Anfechtungen werden in vier empirischen Feldern untersucht: (1) das antikoloniale und buddhistisch-geprägte nation-building der Staatsorgane; (2) das umkämpfte Gedenken an den Unabhängigkeitshelden Aung San; (3) das Bemühen um den Erhalt kolonialer Architektur; sowie (4) das branding des Landes für internationalen Tourismus. Die dynamischen Wechselbeziehungen dieser vier eng verflochtenen empirischen Felder bilden die Interaktion von unterschiedlichen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Interessen ab und schlagen sich in der Herausbildung von Akteuren, in performativen Praktiken sowie eingängigen Narrativen nieder. Der Fokus auf diese Pluralisierung der Praxis kulturellen Erbes verspricht darüber hinaus ein neues Verständnis des gegenwärtigen Wandels in Myanmar.

Das Projekt basiert auf ethnologischer Langzeitfeldforschung in der ehemaligen Hauptstadt Yangon. Zentrale Methoden sind Beobachtung, Interviews und Text-, Bild- und Tonanalysen.

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